Welcome to country

Die Aboriginals waren ein Volk, das auf leichten Füßen über die Erde schritt, und je weniger sie der Erde wegnahmen, umso weniger mussten sie ihr zurückgeben.

Bruce Chatwin (Traumpfade)

Inhalt

Die äußere Landschaft entdecken

„Nicht schneller als 80“, hatte der Mechaniker gesagt, bevor wir aufbrachen. Dann fuhren wir zu Dritt in diesem Auto, das ein außergewöhnlich langes Leben hinter sich haben musste, von Südaustralien nach Westaustralien. 2.700 km durch die Wüste. Die meiste Zeit ging es stur geradeaus, die Tachonadel zeigte 80 Stundenkilometer, das Thermometer 42° C und mehr. Wir kühlten unsere Köpfe mit nassen Handtüchern.
Einmal, nach einem Fahrerwechsel, fuhr der Fahrer schneller und plötzlich quoll weißer Dampf aus dem Kühler. Wir hielten an, ich erinnere mich an die Straße. Bis zum Horizont reichte sie, links und rechts Spinifex-Gräser, die kuschelig weich aussahen, aber spitzer als Nadeln sind. Weißgebleichte Känguruhknochen, die uns anlächelten.
„So kannst du auch in eine paar Stunden aussehen.“
Wir ließen den Motor abkühlen, wickelten Gaffa-Tape um den Schlauch, aus dem es gezischt hatte, und seltsamerweise war ich fast entspannt. Wir würden irgendwie weiterkommen, es kam mindestens ein Fahrzeug pro Stunde hier durch und die Australier waren sehr hilfsbereite Menschen. Vielleicht war ich auch nur so ruhig, weil meine Freundin etwas panisch wirkte.
Dann stiegen wir wieder ins Auto und ich saß 9 Stunden ohne Pause am Steuer bei 80 km/h, immer geradeaus – denn jedes Mal wenn wir anhielten, löste sich der Schlauch.

Ich erinnere mich an an die Gerüche. Kadaver, selten Eukalyptus, es gab kaum Bäume, manchmal ein Hauch von Meeressalz, den der Wind von der nahen schroffen Küste herüber trug, Trockenheit, Straßenteer, geradeaus – immer geradeaus. So lernte ich die Nullabor Plane kennen, jene Wüste, von der manche Ureinwohner sagen, sie sei der Geburtsort Australiens.

Bei der Abreise war mir klar, dass ich die Kultur dieses Landes nicht kennen gelernt hatte. Ich wusste, eines Tages musste ich zurückkommen und den Versuch unternehmen, ein wenig davon zu verstehen.

Damals war ich noch keine Erzählerin. Mit 19 Jahren, nach dem Abitur, nach vielen Jahren des „Müssens“ sehnte ich mich nach Freiheit und wollte nach Australien. Von den Aboriginals bekam ich nicht viel mit. Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich noch an das unbestimmte Gefühl von Düsternheit, das diese dunklen Menschen umgab – und an meine große Verunsicherung. Ich verstand nicht so recht, wie ich in diesem Kontext als junges, weißes, deutsches Mädchen mit meiner Herkunft und der Vergangenheit meines Landes umgehen sollte.
So erlebte ich Australien als ein Land mit wenig Kultur, wenig Architektur und wenig Geschichte. Ich sehnte mich nach den alten Bauten in Europa, nach einer tieferen Verbindung. So traumhaft schön die Strände, die Tiere, die ganze Landschaft waren, so wenig hatte ich doch das Gefühl, sie zu begreifen.

Geschichten sammeln

Dreizehn Jahre später saß ich wieder im Flugzeug nach Australien. Nun war ich schon seit neun Jahren Erzählerin, hatte die Geschichten vieler Kulturen kennen gelernt, mehrsprachig erzählt und interkulturelle Projekte organisiert. Doch die uralten Geschichten der Aboriginals waren mir rätselhaft, fast unzugänglich geblieben. Vielleicht war ich deshalb so fasziniert, wenn ich bei meinen Recherchen immer mal wieder auf Fragmente dieser Kultur stieß, die sich über mehrere Zehntausend Jahre kaum verändert hatte.

Wie sollte ich mir ein Leben vorstellen, in dem Geschichten eine so zentrale Rolle spielen? Geschichten, die Orientierung in der Landschaft vermitteln, Pflanzenwissen, Verhaltensanweisungen, Brauchtum und so vieles mehr.
Die Kolonisierung Australiens liegt nur 200 Jahre zurück, viele Teile des Landes sind kaum besiedelt und es gibt noch heute Landstriche, in denen die Ureinwohner ihre Kultur pflegen können: Sie unterrichten dort die vielen verschiedenen Stammessprachen, veranstalten Riten und Feiern, jagen und sammeln und üben die alten Handwerkskünste wie Korbflechten aus oder bauen Musikinstrumente.
Auch Songlines werden noch gesungen und gelaufen (heute auch gefahren), jene berühmten „Traumpfade“, die den Kontinent durchziehen, und die zugleich Lied, Geschichte, Wissensspeicher und Landkarte sind. Als Erzählerin brannte ich darauf, „live“ zu erfahren, wie so etwas Unglaubliches funktionierte. Wie war der Rhythmus, die Melodie, wie die Sprache? Ich fragte mich auch, wie neue Geschichten in dieser uralten Kultur entstehen konnten.

Ich wollte Geschichten sammeln.
Ich kam, um eine Kultur kennenzulernen, so ursprünglich, wie sie in meiner Heimat schon seit langer Zeit nicht mehr lebt. Ich wollte nicht verstehen, sondern ich erhoffte diese andere, ursprüngliche, tiefe Art der Verbundenheit zu erspüren, um vielleicht ein Körnchen davon mit nach Hause nehmen und aussäen zu können. Ich wusste bereits vorher, dass es möglicherweise schwierig sein würde, überhaupt Geschichten zu hören – die Kolonisierung und fortdauernde Ausbeutung von Bodenschätzen haben tiefe Wunden und Misstrauen hinterlassen.
Aboriginals gehen sorgsam mit ihren Geschichten um, denn das Erzählen hat in ihrer Kultur eine ganz andere Bedeutung als in unserer. Ich hatte viel darüber gelesen und es kognitiv verstanden. Doch immer blieb ein Schatten zurück, die Ahnung, dass die eigentliche Bedeutung in einer Dimension lag, die dem Verstand nicht zugänglich war. Ich musste das selbst erleben, mit allen Fasern meines Körpers.

Zuhören lernen

Drei Wochen verbrachte ich in Balgo, einem verlorenen Ort in der Wüste, wo vor 70 Jahren die letzten ursprünglich lebenden Aboriginals „entdeckt“ wurden. Balgo ist eine Siedlung, in die man nur mit Erlaubnis einreisen darf. Ich kam als Freiwillige und kümmerte mich um vier alte Aboriginal Damen in einem Frauenzentrum. Bis zum Alter von 20 Jahren hatten sie noch nomadisch gelebt. Sie sprachen wenig bis gar kein Englisch. Ich hatte unterschrieben, dass ich, wie es in ihrer Kultur üblich sei, keine Fragen stellen würde, sie nicht mit meiner Neu-Gier bedrängen würde. Innerlich spürte ich Unverständnis und Widerstand.
In der Schule hatte ich gelernt, dass man Fragen zu stellen hat, an der Universität lernte ich, wie man sie zu stellen hat, um verschiedene wissenschaftliche Blickwinkel einzubeziehen. Ein wacher Verstand, so hatte ich gelernt, basiert auf der Fähigkeit, möglichst viele elaborierte Fragen zu stellen.

Zum Glück schaffte ich es trotzdem, mich auf die Bedingungen einzulassen. So konnte ich mit der Zeit einen wesentlichen Unterschied zu unserer westlichen Kultur wahrnehmen: Wir erschließen uns die Welt durch Fragen – die Aboriginal schienen das durch Zuhören (dadirri) zu tun.
Doch wie hört man zu? Ich kann mich nicht erinnern, im Zuhören eine ähnlich sorgfältige Schule durchlaufen zu haben, wie im Fragen stellen. Ich wusste, wie man präziser oder intensiver fragt, aber nicht, wie man präziser oder intensiver zuhört. Ich fing bei Null an. Ich versuchte, zuzuhören, auch wenn ich nichts verstand. Ich versuchte, zuzuhören und genau wie ein Baby im Zuhören die Sprache langsam zu verstehen.

Die Wüste lag direkt vor der Tür.
Die Wüste war einst ein Meer gewesen. Schroffe Klippen brachen hinab auf den Grund, dessen Erde wie ein Regenbogen von schwarz bis braun, violett, orange, gelb reichte. Sie war bröckelig, hart, samtweich, spitz, sie glitzerte. Lavatropfen, Kristalle, versteinerte Muscheln, goldenes Gras und Spinifex.
Die Stille dröhnte, sie drückte auf meine Ohren. Meist saß ich einfach nur da und hörte zu, nach außen, nach innen.

Wen man sich nicht kennt unter Aboriginals, dann ist es unhöflich, sich direkt in die Augen zu schauen. So war ich zu Beginn reichlich hilflos – meiner ganzen Kommunikationsstrategien beraubt. Keine Fragen, also kein Anlass zu sprechen, kein Augenkontakt, also auch keine sprachlose Kommunikation.
Ich hörte nur und tat, was es zu tun gab. Mehr nicht. Und zu meiner eigenen Überraschung war ich dankbar für diese langsame Annäherung. Ich musste nichts versuchen, nicht höflich sein, ich musste nur da sein. Aufmerksam sein. Ich hatte ja Zeit und konnte auf den Moment warten, in dem die Damen von sich aus mit mir kommunizieren würden.

Und der Moment kam.
Ich bekam ein leichtes Gespür dafür, welche Qualität darin steckt, die Älteren entscheiden zu lassen, wann ich „reif“ für etwas sei, für die Begegnung, für ein Lied, für eine Geschichte. So lernte ich Respekt für ihr Wissen, ihre ganze Kultur, die sie nur teilen, wenn ihr Gegenüber reif dafür scheint.
In dieser Zeit meldete sich zum ersten Mal eine leise Stimme in mir: „Was machst du hier? Hast du keine eigene Kultur? Warum suchst du bei den Frauen? Was suchst du in dieser fremden Kultur? Schalte deinen fragenden Kopf aus und höre einfach, höre, höre, dann erfährst du…“

Dadirri

To know me
Is to breathe with me
To breathe with me
Is to listen deeply
To listen deeply
Is to connect
This is the sound
The sound of deep calling to deep
Dadirri
The deep inner spring inside us
We call on it
And it calls on us
We are river people
We cannot hurry the river
But we need to move with the currant
And understand its ways
We wait for the rain to fill our rivers
And water our thirsty earth
We watch our bushfoods
And wait for them to open
Before we gather them
We wait for our young people as they grow
The time for rebirth is now
If our culture is alive and strong and respected it will grow
It will not die and our spirit will not die
I believe that the spirit of Dadirri
That we have to offer and blossom and grow
Not just within ourselves
But in a whole nation.

– Miriam-Rose Ungunmerr

Die innere Landschaft entdecken

Bevor ich in das weite Urmeer hinabtauchte, fiel mir der Müll auf. Überall neben den Wegen lag irgendwas herum, Plastik, eine zerstörte Rutsche, Autositze, eine alte Waschmaschine, Federn aus einem Auto, Ölkanister und so weiter. Ich war fassungslos: Wie konnten die Aboriginals so achtlos mit ihrer Natur umgehen?
Mit der Zeit lernte ich, dass es in ihrem Verständnis keinen Müll gibt. Es gibt nur Dinge, die man nicht mehr braucht. Und was macht ein Nomade mit Dingen, die er nicht mehr braucht? Er zieht weiter – und lässt sie zurück. Zum einen muss er sich dann nicht mehr um sie kümmern. Zum anderen können sie nun die Aufgabe erfüllen, allen Vorüberziehenden die Geschichte dessen zu erzählen, was an diesem Ort passiert ist.
Ich begann zu verstehen, dass die uralte Kultur der Aboriginals offenbar keine Strategien für den sinnvollen Umgang mit Wohlstandsschrott westlicher Konsumgesellschaften bereithielt. Vor meinen Augen entfalteten sich plötzlich unzählige Geschichten: Wie kommt die Autofeder hierher? Wer hat sie hierher getragen? Mit welcher Absicht? Und dann: In die Stille lauschen – auf die Antwort warten…

Die erste Nacht war ein Schock: Laute Musik, Schreie, Gebrüll – mitten in der Wüste. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet. Ich war froh, nicht in der Siedlung zu wohnen, sondern ein wenig abseits, hinter einem hohen Zaun, mit Hunden. In der Siedlung gab es Gewalt. Später hörten wir, dass an jenem Wochenende wieder ein junges Mädchen versucht hatte, sich umzubringen.

Wie in den Mythen unserer eigenen Kultur findet sich in den alten Geschichten der Aboriginals viel Gewalt. Vielleicht ist sie dem Menschen zugehörig – jedenfalls hilft es nicht, wegzuschauen.
Die Gewalt vor Ort erklärte ich mir durch die vielen Traumata, die nicht aufgearbeitet und durch die Generationen weitervererbt worden waren. Wie bei vielen Naturvölkern hat die Kolonisierung auch über die Aboriginals unglaubliches Leid gebracht: Ein Großteil der Bevölkerung starb durch Krankheit und Mord, Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und in Umerziehungslagern systematisch ihrer kulturellen Wurzeln beraubt, ganze Stämme wie Tiere in Reservaten „gehalten“. Doch Aboriginals waren und sind so sehr mit ihrem Land verbunden, dass eine Trennung den Verlust der Identität und den Absturz in die Orientierungslosigkeit bedeutet.
In Balgo leben sieben Stämme, in denen teils verschiedene Sprachen gesprochen werden. Im Nachbarort Mulan, etwa eine Stunde auf der Staubpiste entfernt, lebt nur ein Stamm. Der Unterschied war sofort spürbar. Der Ort war kleiner, die Menschen wirkten ruhiger, gelassener.

So vergingen ein paar Tage, bis ich mich traute, durch die kleinen Straßen des Wohngebiets in Balgo zu fahren. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber was ich sah, erschütterte mich tief.
Sie lebten in fast leeren Häusern zu zehnt oder zwanzigst, sie schliefen auf dem nackten Boden, manchmal mit einer Decke. Es gab keine schönen Vorgärten. Gekocht wurde über dem Feuer, gegessen am Boden, meist aus einem Topf. Ich sah keinen Herd, keine Waschmaschine, kein Bett, keine „Dinge“. Hygiene oder ärztliche Versorgung schienen keine Rolle zu spielen. Ich war schockiert, im reichen Australien mit einer derartigen Armut konfrontiert zu werden.

Dann erschrak ich über mich selbst. Mein Mitleid schien mir plötzlich völlig unangemessen, ja sogar respektlos. Was wusste ich schon über sie, über ihre Lebensart? Nichts!
In den Augen der Nomaden sind all diese Dinge unnötig – wichtig ist das Land und die Tiere, die sie jagen können. Das Land, in dem sie sich seit wenigen Jahrzehnten nicht mehr so bewegen können wie in den Zehntausenden Jahren zuvor.
Westlich sozialisiert, mit nomadischer Tradition, dazu die Erfahrung von Gewalt und Unterdrückung, die nicht bearbeitet wurde: So leben sie heute in einer Welt voller Widersprüche, mit der großen Herausforderung, zwischen modern-sesshafter und archaisch-nomadischer Denkweise einen Weg zu finden.

Welcome to country

Nach meiner Rückkehr von Australien ist meine Beziehung zur Erde tiefer geworden.
Die rote feine Erde ist bald überall, setzt sich in jede Pore hinein, so dass ich selbst ganz rot werde. Die rote Erde färbt die Kleidung, ich kann sie kaum herauswaschen.

Wir fuhren hinaus zum heiligen zeremoniellen Ort der Frauen, tranken dort einen Tee im Windschatten der großen Jeeps. Eine Frau, die jünger war als die Damen, um die ich mich jeden Tag kümmerte, wollte mit uns eine „Welcome to country – Zeremonie“ durchführen. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde.
Ich stand vor ihr, sie nahm vom Boden die rote feine Erde, strich mir mit ihren Handflächen über die Wangen, über Arme, Hände und Beine und hielt meine Füße fest auf den Boden gedrückt.
„Jetzt kennt dich die Erde. Jetzt bist du hier willkommen.“

 

Komm ans Feuer!

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