Subtiler Aktivismus – Kontinuität

Klaus Vogel* (62)
Gesellschaftspolitischer Gestalter

*Name geändert

   Würdest du dich als Aktivist bezeichnen?

Als Lateiner weiß ich: Hinter dem Aktivist steckt das Wort agere, das heißt tun, machen, handeln. In diesem Kontext habe ich mal ein Plakat gesehen, auf dem stand: man sollte, man könnte, man müsste… handeln. Und handeln war das einzige Wort, das nicht durchgestrichen war. Das trifft meinen Grundsatz ganz gut. Wenn ich also über die Definition des Wortes agere herangehe, würde ich mich als Aktivist bezeichnen, denn ich handle aktiv, statt Handlungen von anderen einzufordern.

   Wie lange bist du denn schon Aktivist?

Da gibt es tatsächlich ein ganz konkretes Ereignis, und zwar 1985, an meiner ersten Stelle als Lehrer in einem Dorf in der Lüneburger Heide. Dort gab es an meiner Schule eine Amnesty International Gruppe. Dieser Gruppe habe ich mich angeschlossen, weil ich gemerkt habe, dass darin meine Vorstellungen von Aktion, von Aktivismus, praktisch umgesetzt wurden. Außerdem habe ich gemerkt, was die Arbeit ganz konkret bewirkt.
Dort habe ich zum ersten Mal in diesem Sinne gehandelt, ergänzend zu meiner beruflichen Tätigkeit. Es war immer mein Grundsatz, neben meiner Arbeit als Pädagoge ein weiteres Tätigkeitsfeld zu haben, das sich von der Schule unterscheidet. Während meiner gesamten Zeit im Beruf habe ich das so praktiziert. Ich hatte nie eine volle Stelle, sondern habe immer ein Viertel meiner Zeit der ehrenamtlichen Tätigkeit gewidmet.

   Wie kamst du auf diesen Bereich?

Das war für mich ganz einfach eine Frage der Glaubwürdigkeit. Ich habe im Unterricht bestimmte Werte vermittelt und auch Handlungsideen eingebracht und konnte mich selbst nur als authentisch empfinden, wenn ich dieses Handeln auch selbst umsetzte. Ich habe Erdkunde und Latein unterrichtet. Erdkunde ist ein gesellschaftswissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Fach – das heißt, die typische Frage Nummer drei in einer Klausur lautete ungefähr: „Entwickeln Sie Lösungsvorschläge für das Problem xy“. Da wird den Schüler*innen eine theoretische Aufgabe gestellt, auf die sie dementsprechend eine theoretische Antwort entwickeln. Und dann sind wir wieder bei diesem Punkt „man sollte, man könnte, man müsste“. Aber jetzt komme ich ins Spiel und sage: Ich mache. Die Glaubwürdigkeit war mir also immer wichtig.

   Worin bestanden denn diese Handlungen bei Amnesty International?

Es geht um die konkrete Arbeit mit konkreten Menschen, mit Gefangenen. Und die Amnesty-Arbeit bestand üblicherweise darin, Briefe zu schreiben, Kontakte zu knüpfen, sich für die Gefangenen zu engagieren. Es handelte sich dabei um Einzefallarbeit, das heißt, man hat sich tatsächlich um eine konkrete Person gekümmert. Einmal, das war 1985, haben wir einen jungen Mann aus Rumänien betreut, der im Rahmen der Ceaușescu Diktatur inhaftiert war. Die Amnesty Gruppe hatte immer wieder Kontakt zum Vater dieses Mannes, der seinem Sohn immer die Infos weitergegeben hat, dass da Menschen sind, die sich für ihn engagieren. Es hat also eine Rückmeldung gegeben, dass dieses zielgerichtete Engagement auch tatsächlich einen Menschen erreicht. Das war für mich sehr motivierend, nicht ins Nichts hinein zu agieren, sondern eine Rückmeldung zu erhalten. Diese Erfahrung habe ich bei Amnesty immer wieder gemacht.

   Was war das dann für eine Rückmeldung?

Da könnte ich hunderte Geschichten erzählen. Aber es gibt eine, die ich mich immer noch am meisten beeindruckt und auch am meisten berührt: Es ging um einen Syrer, der zehn Jahre lang inhaftiert war. Die Ortsgruppe von Amnesty hat sich für ihn engagiert, wieder und wieder und immer wieder, jahrelang, über verschiedenste Kanäle. Und irgendwann kam dann die Nachricht: Der Mann ist frei. Nach so vielen Jahren bekomme ich immer noch Gänsehaut, wenn ich das erzähle: Ich hatte dann Gelegenheit, mit diesem Mann (auf Englisch) zu telefonieren. Ich wurde vorgewarnt, vorsichtig zu sein, das Telefonat würde sicher abgehört. Das Gespräch war sehr kurz. Als die Verbindung stand, meldete ich mich und als er meine Stimme hörte, sagte er nur: „I’ve heard of you. All the time. Thank you.“
Das muss man sich mal vorstellen: Da sitzt jemand irgendwo zehn Jahre lang im Knast und schöpft Hoffnung, weil er spürt, dass irgendwo Menschen sind, die ihn einfach nicht aufgeben, die sich für ihn einsetzen, egal was passiert.
Das ist die Arbeit, die mich motiviert!
Einen ähnlichen Fall hat ein anderes Amnesty Mitglied erlebt, in Madagaskar. Da war jemand inhaftiert, weil er zur Kung-Fu-Bewegung gehörte. Ein Oppositionspolitiker hatte als Begleitschutz Kung-Fu-Kämpfer engagiert. Der Staatschef hat dann den Oppositionellen inhaftiert und alle Angehörigen seines Begleitschutzes wurden ebenfalls verfolgt. Ein Amnesty Mitglied hatte die Gelegenheit, den Mann nach seiner Freilassung während einer Madagaskarreise zu treffen, um ihn persönlich kennenzulernen. Und er hat das gleiche bestätigt wie der Syrer: „Ich hab’s gemerkt, die ganze Zeit. Da waren Menschen, die sich für mich eingesetzt haben.“
Eine Rückmeldung zu bekommen, was genau mein Engagement bewirkt, ist also sehr wichtig für mich.
Damit ist in gewisser Weise auch die Situation im Weltladen vergleichbar: Aus den einzelnen Projekten bekommen wir immer wieder Rückmeldung, was genau mit den finanziellen Mitteln passiert, die wir erwirtschaften. Das brauche ich als Motivation und Inspiration.

   Wie bist du denn eigentlich zum Weltladen gekommen?

Die Tätigkeit im Weltladen war immer mein zweites Standbein neben Amnesty. Das war für meine Tätigkeit als Erdkundelehrer eine Selbstverständlichkeit. Ich unterrichte Inhalte über fremde Länder, über klimatische Veränderungen, über Strukturen. Wo könnte ich besser ungute Strukturen verändern, wo könnte ich besser auf kleiner Flamme Einfluss nehmen als durch meine Arbeit im Weltladen?
Deshalb ist das Weltladenkonzept, bei allem, was selbstverständlich auch zu hinterfragen ist, auch wieder eine Möglichkeit des konkreten Handelns. In meiner ersten Stelle gab es jedes Jahr an Weihnachten einen Weihnachtsbasar mit Weltladenprodukten. Das hat funktioniert, obwohl das wie gesagt ein kleines Dorf war, mit vielleicht 2.500 Einwohnern. Was im Unterricht theoretisch behandelt wurde, konnte ich dann exemplarisch und ganz konkret umsetzen. Nehmen wir an, wir haben zum Beispiel die Situation der Menschen in der Sahelzone als Unterrichtsgegenstand. Die typische Frage Nummer fünf in der Klausur würde dann ungefähr lauten: „Zeigen Sie Lösungsmöglichkeiten für die Menschen auf.“ Ich kann die Lösungsmöglichkeiten zwar aufzeigen, aber die Glaubwürdigkeit ist nur dann gegeben, wenn ich tatsächlich auch handle, und zwar im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten. Und natürlich sehen die Schüler*innen, wenn ihr Lehrer Mangos verkauft und werden neugierig. Was sind das für Mangos? Wo kommen die her? Darüber reden wir dann mal im Unterricht und damit werde ich konkret. Das war für mich immer ein Lebensgrundsatz und ist es heute noch.

   Du hast also durch deine Tätigkeiten deine Schüler*innen auch zum Handeln motiviert?

Ja. Zum einen sind Schüler*innen aus der Oberstufe in die Amnesty Gruppe gekommen. Was den Weltladen anging, hat es später dann an der Schule auch eine Weltladen Gruppe gegeben, wo die SchülerInnen ihre Ideen auf lokaler Ebene umgesetzt haben. Beispielsweise hatten sie einen Bauchladen, mit dem sie in der Pause Produkte eines Weltladens verkauft hatten. Das waren Esswaren wie Schokolade oder Mangos aber auch praktische Dinge wie Papier usw.
Das war allerdings auch nicht unproblematisch, denn damit tauchte auch schnell die Frage auf, welche Kinder sich das leisten können. Grenze ich mit diesem Angebot Kinder aus, die sich finanziell nicht in diesen Bereichen bewegen?

   Dass nicht immer alles glatt läuft, ist klar. Gab’s auch mal Momente, wo du dachtest, das war jetzt wirklich ein Flop?

Einmal habe ich tatsächlich auch ein Engagement aufgeben. Das war die parteipolitische Arbeit bei den Grünen aufgrund des Beschlusses von 1999, den Kosovo-Krieg zu unterstützen. Das war für mich ein absolutes No-Go, so dass ich die Mitgliedschaft und den Kontakt zu dieser Partei aufgegeben habe. Das konnte ich einfach nicht mehr vertreten.
Aber ansonsten – nein. Ich war ja niemals Einzelkämpfer, sondern ich kam immer in den Genuss von Schutz, Bestärkung und Motivation durch eine Gruppe bzw. ein Team. Ich habe auch diese zwei Tätigkeitsfelder bei Amnesty und im Weltladen trotz mehrfacher Umzüge immer wieder mitgenommen. Es war für mich klar, dass die beiden auch nach Freiburg mitkommen, weil ich von dieser Arbeit überzeugt war.

   Somit engagierst du dich bei Amnesty International und im Weltladen schon ziemlich lange. Was hat sich denn über diese lange Zeit verändert und was ist gleich geblieben?

Bei Amnesty steht kontinuierlich die Einzelfallarbeit im Mittelpunkt. Es hat in der langen Zeit auch mal Bestrebungen gegeben, von dieser Einzelfallarbeit abzurücken. Es war aber für die ungefähr 600 Ortsgruppen in Deutschland immer möglich, ihre Schwerpunkte selbst zu setzen. In Freiburg gibt es zum Beispiel eine Queer-Gruppe, die den Fokus nicht auf Einzelfallarbeit, sondern auf die generelle Thematik legt. Im Moment geht die Tendenz aber eher wieder zur Einzelfallarbeit, damit dieser Aspekt der Identifikation erhalten bleibt.
Was sich dagegen durchaus geändert hat, ist die Wertschätzung dieser Arbeit in der Gesellschaft, und zwar unabhängig von der politischen Einstellung (von extremen Randgruppen abgesehen). Um es mal polarisiert auszudrücken: Vor 30 oder 35 Jahren war Amnesty in den Augen einiger Menschen eine linke Organisation, die sich darum kümmert, auch noch die schlimmsten Gauner aus dem Gefängnis zu holen, die dann wieder frei herumlaufen. Heute bekommt Amnesty Unterstützung von sämtlichen von uns kontaktierten demokratischen politischen Parteien. Einmal hat sich ein Abgeordneter der CDU sehr für uns engagiert. Der Mann hatte eine DDR-Vergangenheit und erklärte, er wisse, was es bedeute, ein politischer Gefangener zu sein. Das war wirklich eine optimale Kooperation!
Einen ähnlichen Zugewinn an Akzeptanz stelle ich auch beim Weltladen fest. Mein Gott, wenn ich an den ersten Kaffee denke, den der Weltladen vor 40 Jahren verkauft hat… Der hieß „Sandino Dröhnung“ und wurde an der Mensa von Leuten gekauft, die auch sehr nach Dröhnung aussahen. Dieser Kaffee hat fürchterlich geschmeckt, den habe ich wirklich nur aus Solidarität getrunken!
Naja, was die Akzeptanz der Weltladen-Produkte angeht, hat sich jedenfalls auch hier ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen. In den 70er Jahren wurden wir mit unseren Ideen einem irgendwie suspekten linken Spektrum zugeordnet. Heute erfährt unser Engagement breite Akzeptanz und unsere Kundenstruktur besteht hauptsächlich aus Bildungsbürgertum oder allgemeiner aus „gebildetem Publikum“ – jedenfalls nicht aus typischen Klischee-Alternativen in Juteklamotten.
Allerdings musste sich die Arbeit mit der Zeit auch immer mehr in marktwirtschaftliche Zusammenhänge integrieren, und das ist nicht unproblematisch. Zunächst einmal stelle ich hier eine zunehmende Professionalisierung fest. Das macht wahrscheinlich auch Sinn, denn mit dem Portfolio und den Umsätzen von heute wäre das ehrenamtlich kaum noch zu bewältigen. Andererseits kann das auch schnell zum Spannungsfeld werden: Als Fridays for Future zur großen Demo aufgerufen hat, haben wir den Laden 3 h geschlossen, und sind dem Ruf auf die Straße gefolgt. Wir hatten aber schon auch Diskussionen darüber: Können wir uns das überhaupt leisten? Mit unseren Umsätzen unterstützen wir schließlich auch die Projekte in den betreffenden Ländern. Das ist auf jeden Fall ein Spannungsfeld.
Und dann gibt es ja auch noch den Bildungsauftrag des Weltladens, der auch nicht überall in der gleichen Weise umgesetzt wird. Hier in Freiburg finde ich das allerdings vorbildlich!

   Wirst du als Aktivist oft mit krassen Gegenpositionen konfrontiert?

Eigentlich nicht. Diese direkten, konfrontativen Begegnungen sind die absolute Ausnahme. Gerade bei Amnesty handelt es sich ja eher um die Arbeit innerhalb einer geschlossenen Gruppe. Direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit hat man eigentlich kaum, von Infoständen abgesehen. Da kann es schon mal passieren, dass ich Menschen gegenüberstehe, die eine völlig konträre Meinung vertreten. Die üblichen Sprüche in den 80er Jahren waren zum Beispiel: „Wieso geht ihr nicht in die DDR?“ Da hilft mir dann das Buch von Peter Modler: „Mit Ignoranten sprechen“. Da habe ich mir im Laufe der Zeit entsprechende Formen der Kommunikation angeeignet, auf die ich im Zweifelsfall zurückgreifen kann. Das geht natürlich auch nur in gewissen Grenzen. Politisch extreme Parteien sind für uns zum Beispiel keine Gesprächspartner. Darin möchte ich keine Zeit investieren, denn das ist für mich Energieverschwendung.

   Das heißt, du versucht eher die zu überzeugen, die offen sind?

Wenn ich sehe, wie breit inzwischen das Spektrum der Parteien ist, die mit uns kooperieren, ist das für mich sehr bestätigend: In Kooperation ist die Energie besser investiert als in Konfrontation. Das war auch in allen Gruppen, in denen ich bisher Mitglied war, Konsens.

Komm ans Feuer!

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