Horizonte der Krise

Das Bewusstsein von Vergänglichkeit ermöglicht uns, die Kostbarkeit des Lebens und der Gemeinschaft zu erkennen. Wenn sich diese Erfahrungen im kollektiven Bewusstsein halten könnten, würde das zu Änderungen führen, die ich mir sehr wünschen würde.

Dorothea Klaer
Inhalt
Was macht eigentlich eine Bestatterin?

Als Bestatterin kümmere ich mich um die Verstorbenen und um die Angehörigen gleichermaßen. Ich mache die Angehörigen vertraut mit der Möglichkeit der Versorgung und weiteren Begleitung des Toten. Ich höre die Geschichten des Sterbens und ich entwerfe mit den Angehörigen zusammen eine Idee der Abschiednahme. Ich mache sie mit den verschiedenen Möglichkeiten der nächsten Schritte bekannt und prüfe mit ihnen zusammen, welcher der passende ist. Ich fühle mich als Bestatterin lediglich als Assistentin, Trauer und Abschied liegen in den Händen der Angehörigen. Eine Trauerfeier ist ein Ritual, das die Angehörigen, Familie und Freunde zusammen kreieren, je nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Eine der ersten Aufgaben besteht darin, die Angehörigen zu ihrem Verstorbenen zu führen, vorausgesetzt sie möchten noch mal Abschied nehmen. Vor einiger Zeit habe ich ein junges Paar begleitet, deren Baby nach wenigen Wochen gestorben war. Da war meine erste Aufgabe, dieses Baby zu uns zu holen, damit die Eltern es sehen konnten. Es war in der Klinik und danach noch in der Rechtsmedizin und nun musste die Überführung organisiert werden.

Die nächste Aufgabe war, einen Raum zur Verfügung zu stellen, damit die Eltern ihr Kind auch sehen konnten und die Gewissheit bekommen: Das Kind ist gestorben. Es ist tot. Das ist ein Realisierungsprozess, der Zeit braucht – und einen Raum, der genug Ruhe bietet, so dass die Wahrheit des Todes ins Bewusstsein gelangen kann. Und hier war also meine Aufgabe, einen Raum zu gestalten, in dem man sich willkommen fühlt. Ein Raum, in dem es Farben gibt und Blumen und eine Kerze, ein Raum, wo man sich setzen kann.

Das Geschehen "Tod" ist eine tiefe Veränderung - sie braucht Zeit und die Gelegenheiten und Räume, um sich zu initiieren. Trauer ist also eine Entwicklungs- und Wachstumsaufgabe, bei der es darum geht, mit tiefgreifenden Veränderungen umzugehen.

Dorothea Klaer

 

Wenn dann die Begegnung der Eltern mit ihrem verstorbenen Kind stattfindet, ist es meine Aufgabe, einen inneren Raum der Stille zu kreieren. Stille heißt: In mir finden keine Beurteilungen statt, keine Versuche zu trösten oder Gespräche zu führen – wohl aber die Bereitschaft, zuzuhören. Die Begegnung mit dem Verstorbenen, diese körperliche Verbindung, ist sehr wichtig für den gesamten Trauerweg. Der innere Raum lädt alle Möglichkeiten ein, mit der Trauer umzugehen. Das Geschehen „Tod“ ist eine tiefe Veränderung – sie braucht Zeit und die Gelegenheiten und Räume, um sich zu initiieren. Trauer ist also eine Entwicklungs- und Wachstumsaufgabe, bei der es darum geht, mit tiefgreifenden Veränderungen umzugehen.

Wenn ich einen Raum der Stille schaffe, dann ist der übrigens auch für den Prozess der Begleitung wichtig. Einerseits geht es mir darum, mich für den Schmerz der Angehörigen zu öffnen, ihn mitzuerleben und mich nicht von ihm zu distanzieren. Gleichzeitig darf ich als professionelle Begleiterin dem Sog und der Dynamik, die dieser Schmerz anbietet, nicht erliegen. Es ist wirklich ein sehr schmaler Grat, und natürlich gerate ich manchmal auf der einen oder anderen Seite ins Rutschen. Aber jedenfalls wünsche ich mir, diese Balance möglichst gut für die Trauernden anbieten zu können.

Kümmerst du dich in deiner Arbeit vor allem um die Lebenden?

Ich kümmere mich sowohl um die Angehörigen als auch um die Verstorbenen. Es gibt immer diese beiden Seiten, und sie sind natürlich sehr miteinander verschränkt.

Die Verstorbenen heißen bei uns Gäste. Wenn ein Gast zu uns kommt, wird er erst Mal in Empfang genommen und begrüßt. Es ist ja nicht einfach nur ein Leichnam, der zu uns kommt, sondern ein Herr Müller oder eine Frau Meier, und dieser Mensch wird begrüßt und ich sage ihm dann, was als Nächstes passieren wird. Ich sage dann zum Beispiel: „Ihre Familie kommt morgen Nachmittag und dann werden wir besprechen, was nun mit Ihrem Körper geschieht und dann darf ich auch ein bisschen mehr über Sie erfahren. Jetzt sind Sie erst Mal hier bei uns.“

Dann schaue ich, was noch benötigt wird, was die Angehörigen brauchen, um vom Körper des Verstorbenen gut Abschied nehmen zu können. Es kann zum Beispiel sein, dass ich den Verstorbenen wasche oder eine Wunde versorge, ihm die Haare frisiere und eine Mundpflege mache und ihn dann ankleide. Das dauert vielleicht eine Stunde und es ist erstaunlich, wie sehr sich der Körper in dieser Zeit verwandelt. Oft habe ich den Eindruck, dass hier nochmal eine Entspannung stattfindet. Die Person, die dieser Mensch gewesen ist, tritt wieder hervor und erhält ihre Würde zurück. Es ist natürlich ganz besonders berührend, diese Arbeit mit den Angehörigen zusammen zu verrichten.

Wie viel Zeit haben denn die Angehörigen, um Abschied zu nehmen?

Um diese Frage beantworten zu können würde ich gerne den Abschied in verschiedene Phasen aufteilen. Der Abschied vom Körper kann mehrere Tage möglich sein. Zwischen 1 Tag und einer Woche. Das hängt von den Kühlmöglichkeiten und von dem Zustand des Körpers ab. Und natürlich – und am Wichtigsten – von dem Bedürfnis der Angehörigen. Für viele reicht ein Tag, an dem sie sich eben mit allen Sinnen vergewissern können, dass der geliebte Mensch gestorben ist. Für andere ist es wichtig drei Tage Totenwache zu halten; das ist eine Tradition, die noch zum Teil lebendig ist.

In unserem Institut bekommen die Angehörigen einen Schlüssel. So können sie ganz nach ihren Bedürfnissen ein- und ausgehen, sie sind auf niemanden angewiesen und ihnen sitzt auch niemand „im Nacken“. Sie haben so viel Zeit, wie sie brauchen und dürfen auch dort übernachten. Oft haben Eltern verstorbener Kinder das Bedürfnis, sie nachts nicht alleine zu lassen. Und auch sonst kommen immer mal wieder nachts Menschen, um ihre Verstorbenen zu besuchen. Das ist verständlich, denn die meisten praktischen Dinge, die nach dem Tod eines Angehörigen geregelt werden müssen, spielen sich ja tagsüber ab. Erst nachts hat man Zeit, sich dem eigentlichen Geschehen zu widmen und wahrzunehmen, was für ein großer Wechsel da stattgefunden hat.

In dieser Zeit sind wir mit den Angehörigen in Kontakt und überlegen dann gemeinsam, wann der richtige Zeitpunkt ist, sich vom Körper zu verabschieden. Dann gibt es auch die Möglichkeit den Sarg gemeinsam zu schließen. Ein Ritual, dass einen Abschnitt markiert, eine Stufe auf dem Weg des Trauerweges.
Der nächste Schritt des Abschiednehmens ist dann die gemeinsame Feier und die Beisetzung. In welchen Zeitraum die Beisetzung des Sarges oder der Urne sein sollte, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt.

Und dann beginnt der Abschied für Wochen, Monate, Jahre.

Du beschreibst das Abschiednehmen als einen Realisierungsprozess. Wie läuft der denn ab?

Das ist individuell sehr unterschiedlich und hängt auch sehr davon ab, wie jemand gestorben ist. Wenn ein Mensch sehr plötzlich und unerwartet stirbt, ist es ganz schwierig. Der Realisierungsprozess ist viel kürzer, wenn die Angehörigen den Sterbeprozess begleitet und den Tod vielleicht sogar als eine Erlösung wahrgenommen haben.

Viele verschiedene Gefühle werden in uns wach; Trauer ist nicht nur Traurigkeit, sondern auch Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Verzweiflung, Dankbarkeit, Liebe, Angst und auch Wut kann eine Rolle spielen:
„Ich hab mir das nicht gewünscht, dass mein Angehöriger stirbt. Jetzt hab ich den Kummer und muss auch noch dafür bezahlen, dass ihr ihn hinaustragt. Das ist nicht in Ordnung!“ Das mag eine drastische Haltung sein, aber in gewisser Weise ist sie durchaus nachvollziehbar.

Oft wird der Tod auch als Schwelle wahrgenommen. Dann ist der Verstorbene zwar physisch nicht mehr anwesend, dennoch berichten Angehörige erstaunlich oft, dass sich die Verstorbenen in ihrem ehemaligen Lebensumfeld in irgendeiner Form bemerkbar machen, zum Beispiel über gewisse elektromagnetische Phänomene, die niemand so recht erklären kann. Da spinnen dann Computer oder moderne Telefonanlagen. Früher waren oft Glühbirnen betroffen. Was auch immer es damit auf sich hat – Angehörigen nehmen jedenfalls häufig die Gegenwart ihrer Verstorbenen in tröstlicher und unterstützender Weise wahr.

Welche Rolle spielt der Tod in unserer Gesellschaft?

Es gibt ganz klar eine gesellschaftliche Aus- und Abgrenzung von allem, was mit dem Tod zu tun hat. Das ist ja auch verständlich: Der Tod bedroht das Leben – also ist es nur konsequent, wenn ich Tod und Leben voneinander trenne, zum Beispiel durch bestimmte Rituale oder die Vergabe von Aufgaben. Dann gibt es auf der einen Seite Ärzte und Pflegepersonal, auf der anderen Seite Bestatter und Totengräber. Die einen kümmern sich um das Leben, die anderen um den Tod, den wir lieber aus unserem Leben raushalten wollen.

Der Tod ist eine unglaubliche Herausforderung für uns Menschen, denn er „klaut“ uns unsere Sicherheit. Wenn ich mich in meinem Leben eingerichtet habe und es mir gut geht, will ich doch die Sicherheit haben, dass das so bleibt! In dieses Konzept passt der Tod überhaupt nicht rein.

Die simple Existenz des Todes hat den Effekt, mich zu verstören. Wer allerdings dazu bereit ist, sich stören zu lassen, erhält die große Chance der Wandlung, die Chance, in die Tiefe der Möglichkeiten des Lebens einzutauchen.
Bei Menschen, die keinen Weg finden, mit dem Verstörenden umzugehen, wird die Angst immer größer werden, denn mit jedem Tag, den ich lebe, komme ich dem Tod einen Tag entgegen.

 

Bei Menschen, die keinen Weg finden, mit dem Verstörenden umzugehen, wird die Angst immer größer werden, denn mit jedem Tag, den ich lebe, komme ich dem Tod einen Tag entgegen.

Dorothea Klaer

 

Die Aus- und Abgrenzung des Todes verursacht auch eine gewisse Stigmatisierung meines Berufs. Wenn ich mit dem Bestattungsfahrzeug durch die Straßen fahre, habe ich schon erlebt, das Leute sich bekreuzigen. Oder dass sie mir auf keinen Fall die Hand geben wollen, denn wenn ich einen Verstorbenen berührt habe, haftet der Tod an mir und der hat etwas Ansteckendes.

Einmal habe ich einen Verstorbenen aus dem Kreise seiner Familie zuhause abgeholt. Als wir ihn durch die Tür nach draußen trugen, wollte die Enkelin uns folgen, aber die Großmutter riss sie zurück: „Da darf man jetzt nicht durchgehen! Der nächste, der durch diese Tür geht, stirbt!“ Diese Ankündigung fand ich ziemlich drastisch, denn natürlich war ich die Nächste, die durch diese Tür gehen musste. Aber ich gehörte ja nicht zur Familie und war sowieso schon mit dem Tod behaftet, also durfte mich dieses Schicksal wohl treffen.
Viele von uns kennen noch Rituale, die den Tod abwenden sollen, über den wir ja eigentlich keine Macht haben. Die Angst mitgenommen zu werden, wenn einer aus dem Kreis gehen musste, ist im kollektiven Unbewussten durchaus lebendig.

Hat sich durch die Coronakrise in der Bestattungskultur etwas verändert?

Ja, sehr vieles! Im Grunde hat uns die Coronakrise das meiste von dem genommen, was wir als Begleitungskultur aufgebaut haben. Hoffentlich wird das bald wieder einen bisschen besser, denn die letzten Wochen waren wirklich schwer.

Abschied zu nehmen ist fast unmöglich. Das geht damit los, dass wir uns mit Masken im Gesicht begegnen. Große Familien können ihre verstorbenen Angehörigen nicht mehr gemeinsam besuchen. Die große Abschiedszeremonie, die Trauerfeier, kann nicht mehr stattfinden. Dazu ist sonst das gesamte soziale Umfeld eingeladen, alle Bekannten, Freunde und Verwandten. Dort erlebt und betrauert man gemeinsam, dass nun ein Mensch aus dem Kreis gegangen ist, den man wertgeschätzt hat. Dort erlebt man, dass es nun einerseits eine Lücke gibt – und andererseits das soziale System trotzdem intakt bleibt, weiterbesteht und sich gegenseitig stützt. Mit nur fünf Leuten am Grab ist das nun wirklich schwierig.
Die Trauerbegleitung enthält auch das Angebot einer gewissen körperlicher Nähe: Dass man sich in den Arm nimmt oder eine Hand auf die Schulter legt oder sich auf jeden Fall die Hand gibt. Diese körperliche Nähe ist ja im Moment untersagt.

Neulich hatte ich die Situation, dass eine ganze Familie (mit erwachsenen Kindern) von Covid-19 betroffen war. Der Vater ist gestorben, die Mutter hat überlebt, der Sohn musste in der Klinik beatmet werden, die Tochter hatte kaum Symptome. Den Tod des Vaters im fortgeschrittenen Alter hätte man ja irgendwie noch akzeptieren können. Aber dass den Sterbenden dann niemand begleiten kann ist wirklich wahnsinnig schwierig!
Da wird ein Mensch ins Krankenhaus eingeliefert, es gibt noch eine sehr intensive Behandlung und dann verschwinden er einfach und du konntest dich nicht verabschieden. Entweder, weil du selbst in Quarantäne warst oder weil es zu gefährlich war, ihn dort aufzusuchen. Wohin dann mit der Trauer? Dann gibt es nur einen kleinen Abschied mit der Idee, wenn es später wieder möglich ist, die Trauerfeier nachzuholen. Ob die dann tatsächlich stattfindet, ist noch mal eine andere Frage – auf jeden Fall wäre das dann eine Verschiebung des ganzen Trauerprozesses. Und so lange lebt man wie vereist.

Heißt das, die Angehörigen der an Covid-19 Verstorbenen dürfen sie nicht mehr sehen?

Tja, das ist nun das spannende an dieser Krise: Im Moment gibt es einfach keine sicheren Auskünfte. So war das auch mit dem Aufbahren. Erst hat das Robert-Koch Institut die Info herausgegeben, man müsse den Verstorbenen in voller Montur unter Beachtung aller möglichen Vorsichtsmaßnahmen ins Bestattungsinstitut überführen, und er dürfe keinesfalls obduziert werden, das sei viel zu gefährlich. Das war ziemlich fragwürdig, denn es gibt eine Menge ansteckender Viruserkrankungen und die Pathologen verstehen natürlich damit umzugehen. Dennoch: Durch diese Warnung war plötzlich eine unglaubliche Angst vor den Verstorbenen da.

Dann kam eine neue Info, ebenfalls vom Robert-Koch Institut: Die an Covid-19 Verstorbenen sollten genauso behandelt werden wie die an Influenza Verstorbenen – eben mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen, weil die Viren eben auch nach dem Tod des Erkrankten noch gefährlich sein könnten. Wobei man eben nicht genau weiß, auf welche Weise die Viren (außer über die Lunge) noch entweichen können. Das ist eben das Problem: Niemand weiß irgendwas sicher.

So haben wir uns im Institut entschieden, einen Kompromiss einzugehen: Wir haben ein Covid-Team gebildet, das nochmal eine extra Unterweisung bekommen hat, wie man sicher arbeiten kann. Dann haben wir beschlossen, den Angehörigen die Möglichkeit zu geben, ihre Verstorbenen zu sehen, wir wollten sie allerdings nicht ankleiden. Denn dazu muss man den Körper bewegen, wodurch Luft aus den Lungen entweichen kann, die Viren enthält. Doch sofern der Körper nicht bewegt und nur behutsam gewaschen wird, dürfte nichts passieren. wollten wir den Angehörigen den Abschied ermöglichen. Manche haben das genutzt, andere haben es nicht geschafft. Wir haben dann mit einem Foto ausgeholfen. Es sind halt lauter Kompromisse, die man jetzt eingeht.

Es ist ja auch nicht so, dass es nicht gefährlich wäre – auch diese Sicherheit haben wir nicht! Wir sehen ja, dass Menschen an Covid-19 erkranken können, wir sehen, dass viele gesund werden, und manche eben nicht. Angesichts der Unsicherheit des Wissens sind unsere Handlungen sehr drastisch und daraus spricht die Angst. Wir wissen ja von den Infektionsherden in Italien oder auch in New York, wo so viele Menschen verstorben sind, dass man Kühlwagen anmieten musste. Das will doch kein Mensch! Es ist also nicht so, dass es nicht gefährlich wäre, aber es ist eben so unsicher, wann und wo es gefährlich ist.

 

Es erscheint mir fast so, als sei die Unsicherheit, die der Tod uns in jedem Fall schenkt, im Augenblick wie durch ein Vergrößerungsglas verstärkt. Jeder kriegt noch eine Extraportion davon ab.

Dorothea Klaer

 

Ich glaube, ein zentraler Punkt dieser Pandemie ist: Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Wie viel davon kann ich aushalten und wo fange ich an, verzweifelt nach einer verlässlichen Aussage zu suchen, nach dem eingeschlagenen Pfosten, den es auch in hundert Jahren noch gibt. Aber den gibt es gerade nicht.
Das hat natürlich ganz viele Parallelen zum Geschehen Tod überhaupt. Auch dort gibt es nicht diesen verlässlichen Pfosten, wo man sagen könnte: „Wenn ich über diese Schwelle gegangen bin, dann passiert dies und das.“
Es erscheint mir fast so, als sei die Unsicherheit, die der Tod uns in jedem Fall schenkt, im Augenblick wie durch ein Vergrößerungsglas verstärkt. Jeder kriegt noch eine Extraportion davon ab.

Wenn ich nun eine klare Haltung und eine fest verankerte Meinung habe, dass ich nach meinem Tod nicht ausgelöscht sein werde, sondern dass dort etwas geschieht, das mich in Empfang nimmt, kann ich sicherlich auch besser mit Unsicherheit im Leben umgehen. Denn eine größere Unsicherheit als die Frage, was nach dem Tod geschieht, kann man sich kaum vorstellen, oder?
Wenn ich also glaube: Nach meinem Tod passiert etwas, das in Ordnung ist und dem ich mich hingeben kann, dann kann ich vielleicht auch mit den Unsicherheiten des Lebens leichter umgehen.

Du siehst also auch eine Chance darin, dass wir jetzt diese Pandemie durchmachen und uns so intensiv mit Unsicherheit auseinandersetzen müssen?

Ja, diesen Aspekt mit der Unsicherheit finde ich toll!
Und ich finde noch einen anderen Aspekt richtig gut und das ist diese komische Geschichte mit den Masken, wo ja auch keiner so genau weiß, wie viel das eigentlich nützt. Jedenfalls, so wie es jetzt dargestellt wird, schütze ich nicht mich, sondern mein Gegenüber. Das erinnert mich an die Geschichte mit den Löffeln, deren Stiel so lang ist, dass man sie gar nicht selbst benutzen kann. In der Hölle verhungern die Menschen deshalb, im Himmel füttern sie sich einfach gegenseitig.
Und es gibt so viel Solidarität: Neulich habe ich zum ersten Mal seit fünf Jahren am Schwarzen Brett im Flur meines Wohnhauses einen persönlichen Zettel gefunden: „Wenn jemand was braucht: Ich gehe noch einkaufen. Bringe gerne was mit.“ Das fand ich super.
So viel Trennung auf der einen Seite. Aber auch auf der anderen Seite passiert so viel: Ich nehme dich wahr. Ich nehme wahr, dass du mich brauchst.
Das ist eine riesige Chance.

Lass uns zum Abschluss einen Blick in die Zukunft wagen. Was ist dein Wunsch, was soll aus dieser Krise entstanden sein?

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen die Gelegenheit bekommen haben und nutzen konnten, sich mehr auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren und vielleicht sogar eine neugierige und offene Haltung dazu entwickeln, was in Umbrüchen passiert. Und damit meine ich sowohl diese Welt, die sich im Umbruch befindet, als auch das, was passiert, wenn ich im Tod aus meinem Körper heraustrete in eine andere Dimension.

Es wäre so wunderbar, wenn das erhalten bliebe und nicht gleich wieder verloren geht, wenn wir so satt sind und alles haben, was wir haben wollen und alle unsere Wünsche erfüllt sind. Diese Offenheit und Neugierde würde andere Umgangsformen hervorrufen, ein echtes Interesse am Gegenüber (Wie geht es dir? Was denkst du?) und vielleicht auch eine gewisse Offenheit gegenüber Fremden oder Geflüchteten.
Ich glaube, so könnten viel leichter Initiativen von Menschen entstehen, die sich austauschen wollen. Die zum Beispiel darüber sprechen wollen, wie es den gehen könnte, dass man gleichzeitig die einen Menschen schützt, ohne die anderen in wirtschaftliche Bedrängnis und Gefahr zu bringen – in einer Haltung von „Lasst uns da dranbleiben, die nächste Krise kommt bestimmt“…

In dieser Krise wird uns sehr deutlich vor Augen gehalten, dass nicht nur „die anderen irgendwo auf der Welt“ betroffen sind, sondern auch wir, die wir sonst für alle Probleme immer eine Lösung haben. Die Krise hält uns deutlich vor Augen, dass das Leben endlich ist.
Das Bewusstsein von Vergänglichkeit ermöglicht uns, die Kostbarkeit des Lebens und der Gemeinschaft zu erkennen. Wenn sich diese Erfahrungen im kollektiven Bewusstsein halten könnten, würde das zu Änderungen führen, die ich mir sehr wünschen würde.

Diese Änderungen könnten sich auch in der Art und Weise ausdrücken, welchen Stellenwert die Gesellschaft den Pflegeberufen beimisst, und überhaupt in der Art und Weise, wie wir die ökonomischen Bedürfnisse jedes einzelnen Menschen behandeln wollen (denn auch das sind ja Entscheidungen und keine Marktgesetze).
Vielleicht hilft uns diese Zäsur in unserem gewohnten Leben, einen entscheidenden Schritt in diese Richtung zu tun. Und dabei hilft natürlich besonders das Geschichtenerzählen, denn die Art und Weise, wie Geschichten Botschaften vermitteln können, finde ich sehr hilfreich: Sie gehen nicht gleich ins Bewusstsein, sondern unter die Haut und bleiben deshalb länger bei mir. Besonders treffend fand ich die Geschichte mit dem Elefanten. „Guck ihn dir doch mal genau an, der da in deiner Hütte sitzt. Guck ihn dir doch mal an den Tod, den Antilopenfresser.“ Und dann ist das einfach nur so ein kichernder kleiner Frosch! Eine wunderbare Botschaft, die so treffsicher platziert ist…

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