Die Tücken der Taxonomie

Der Wind trieb den salzigen Nieselregen fast waagrecht über den Fähranleger, als ich zum ersten Mal in meinem Leben das Meer sah. Meine Eltern zeigten mir die Schaumkronen auf der bleigrauen Nordsee und die Möwen, die mit eingezogenen Köpfen auf den Fahnenmasten saßen. Das war beeindruckend, aber eigentlich interessierte ich mich nur für Schiffe, und zwar für möglichst große.
„Papa, ist das ein Ozeandampfer?“, fragte ich bei jedem Fischkutter. „Und das? … Und der da?“
Was genau eigentlich der „Ozeandampfer“ war, den ich zu sehen hoffte, war mir selbst nicht so klar. Und mein Vater erklärte geduldig, dass man ja prinzipiell mit jedem Schiff über den Ozean fahren könne. Man müsse nur genug Treibstoff, Trinkwasser und Lebensmittel mitnehmen, denn den Schiffen sei es egal, wie weit sie führen.
Wenn ich allerdings ein großes Schiff mit vielen hundert Passagieren erwartete, würde ich das am Wattenmeer wohl kaum finden.
„Aber das da ist ein Ozeandampfer, oder?“ Mein Vater lachte. „Das ist die Fähre. Die bringt uns jetzt zur Insel.“

Ein paar Jahrzehnte später ist das nur noch eine schrullige Anekdote. Aber damals war ich eben ein kleiner Bub, der von monströser Technik begeistert war – und das Meer war toll, weil darauf potenziell riesige Schiffe fahren konnten. Und natürlich war mir wichtig, alles über diese Schiffe zu erfahren, denn so erschloss ich mir die Welt der Seefahrt – und mit ihr die raue Natur des Meeres.
Meine Eltern hatten allerdings eine ganz andere Motivation, mit mir an die See zu fahren: Die salzige Luft sollte mich von meinem hartnäckigen Husten befreien. Nach vier Wochen wusste ich fast alles über Schiffe – und hustete nicht mehr.

Mag sein, dass die Parallelen zur Erzählkunst gewagt sind. Mag auch sein, dass der Vergleich hinkt. Trotzdem: Die Erzählforschung scheut kaum Mühe bei der Entwicklung einer Taxonomie, mit der Geschichten in Typen eingeordnet werden können – und läuft dadurch Gefahr, die eigentliche Motivation und Wirkungsmacht des Erzählens in den Schatten des Unbewussten versinken zu lassen.
Andererseits bietet das analytische Vorgehen auch Vorteile: Es schafft Struktur und bietet dadurch Orientierung und einen Überblick in einem sonst recht unübersichtlichen Gebiet. Wer erzählen lernt und beginnt, sich mit Geschichten auseinanderzusetzen, weiß das zu schätzen.

Doch wer sich mit Geschichten auseinandersetzt, wird auch lernen, die Dinge nicht in ihren Getrenntheiten, sondern in ihren Zusammenhängen zu sehen.
Die Kenntnis der Geschichtentypen ist eine große Hilfe dabei, Geschichten zu verinnerlichen, um sie anschließend lebendig und ausdrucksstark erzählen zu können: Ob du beispielsweise ein Märchen oder einen Mythos erzählst, ist ein fundamentaler Unterschied. Märchen sind uns leichter zugänglich als Mythen, weil sie eher unsere bekannten menschlichen Muster bedienen. Dagegen sind Mythen weniger anthropozentrisch und können brutal und geradezu „barbarisch“ wirken, wenn sie nur oberflächlich wahrgenommen werden. Diese und ähnliche Überlegungen miteinzubeziehen ist wesentlicher Bestandteil einer soliden Vorbereitung beim Erlernen einer Geschichte.

Doch was ist nun der Unterschied zwischen Transformations- und Weisheitsgeschichten? Sind das überhaupt „offizielle“ Genres? Kann eine Geschichte auch mehreren Genres zugeordnet werden?
Die wissenschaftliche Arbeitsweise nimmt für sich in Anspruch, reproduzierbare Ergebnisse zu liefern. Doch in gewisser Weise liegt es in der Natur lebendiger, mündlich überlieferter Geschichten, dass sie flüchtig sind: Ob eine Geschichte im Moment des Erzählens eher als Transformations- oder als Weisheitsgeschichte bezeichnet werden kann, hängt auch mit Erzähler*in und Publikum zusammen.
Die Wirkung des flüchtigen Moments in reproduzierbaren Kategorien festzuhalten, wäre also eine ziemlich unfaire Aufgabenstellung. Dementsprechend weit muss der Fokus sein, wenn man nach Geschichten recherchiert.

Tatsächlich gibt es keine weltweite Übereinkunft, welche Geschichtentypen existieren. Im Deutschen werden zum Beispiel Sagen und Legenden getrennt, im Englischen und Französischen nicht. Traditionelle und indigene Völker thematisieren mit ihrer Erzählkultur gesellschaftliche, ethische und naturphilosophische Fragen. Ihre Geschichten sind häufig viel „dichter“ und verbinden mehrere Aspekte jener Geschichtentypen, die uns in Deutschland oder Europa bekannt sind. Kulturell und geografisch ist die Typisierung von Geschichten also eine ziemlich wackelige Angelegenheit.

Umso beeindruckender ist das, was der Aarne-Thompson-Uther-Index (kurz: ATU-Index) leistet.
Der finnische Märchenforscher Antti Aarne stellte sich eine Lebensaufgabe, als er 1910 erstmals das „Verzeichnis der Märchentypen“ veröffentlichte, und später mit dem US-amerikanischen Volkskundler Stith Thompson den „Motif-Index“ herausbrachte. Mehrmals wurde dieses Werk überarbeitet, zuletzt 2011 vom deutschen Literaturwissenschaftler und Erzählforscher Hans-Jörg Uther.
Der ATU-Index ist eine Klassifikation von Märchen- und Schwankgruppen, in der Motive, Herkunft und Wanderungsbewegungen der Geschichten deutlich werden. Wer also nach der „Katze als Helfer“ sucht oder nach dem „Bärenhäuter“, kann mit Hilfe des ATU-Index herausfinden, welche Geschichten es zu diesem Thema gibt und wo sie erzählt wurden.
Alle großen Erzählarchive der Welt sind nach diesem Index geordnet, der international verbindlich ist (auch wenn er andere Erzähltypen wie Sagen und Mythen nicht beachtet).
Erstaunlicherweise gibt sich die Wissenschaftsgemeinde wenig Mühe mit der Pflege und Weiterentwicklung dieses Werks. Die Online-Datenbank, zuletzt gepflegt von der University of Alberta, wurde vor einiger Zeit abgeschaltet und ist nur noch als Web-Archiv zugänglich. Seither ist der Index nur noch in 3 Bänden über den finnischen Buchhandel Tiedekirja erhältlich – und dort meist ausverkauft.

Man braucht also durchaus einen gewissen Enthusiasmus, um überhaupt Zugang zum ATU-Index zu erhalten – und einen noch viel größeren, um sich damit auseinanderzusetzen. Die teilweise Überlappung der Motive und Typen, fehlerhafte Verweise und „Geistereinträge“ sind ein echtes Ärgernis. Befremdlich wirkt auch die Selbstzensur gemäß nordeuropäischer Moralvorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts: „Obszöne“ Motive klammerte Aarne aus. Nach erotischem Humor braucht man also nicht zu suchen.
Ein wirklich ernsthaftes Problem ist, dass der Index den Anspruch erhebt, indo-europäische Erzählungen aufzuzeichnen. Tatsächlich befinden sich aber zahlreiche Geschichten darin, die eindeutig von indigenen Völkern Nordamerikas oder aus Afrika stammen. Wer sich damit näher auseinandersetzen möchte, wird in Alan Dundes Kritik fündig.

Anhand dieser Ausführungen wird deutlich, dass man vor allen Dingen ein Motiv braucht, weshalb man Geschichten klassifizieren möchte. Für praktizierende Erzählkünstler*innen ist die Klassifizierung oft ein Mittel zum Zweck; sie unterstützt bei der Recherche.
Auch in der Bildungsarbeit des Vereins Nomadische Erzählkunst unterscheiden wir bestimmte Geschichtentypen. Aus der Perspektive der Erzählforschung mögen diese amateurhaft und unvollständig wirken, zu Lern- und Ausbildungszwecken und im Zusammenhang mit der Vermittlung verschiedener Erzähltechniken ist diese Vorgehensweise aber ausgesprochen nützlich. Demzufolge benennen wir folgende Geschichtentypen:

  1. Legenden
    Wir versammeln unter diesem Begriff Legenden und Sagen. Generell beschäftigt sich dieser Geschichtentyp mit einer Handlung, die mit einem bestimmten realen Ort verknüpft ist. Wer Legenden erzählt, verbindet sich auch mit den Orten der Handlung.
  2. Tiergeschichten
    Die Protagonisten sind Tiere. Je nach kulturellem Hintergrund werden den Tieren unterschiedliche (menschliche) Eigenschaften und Verhaltensweisen zugewiesen.
  3. Mythen
    Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong bezeichnet Mythen als Kunstform, die über die Geschichte hinaus auf das Zeitlose der menschlichen Existenz verweist und uns hilft, jenseits des chaotischen Flusses zufälliger Ereignisse den Kern der Wirklichkeit zu erfassen (vgl. Die Macht der Mythen).
  4. Zaubermärchen
    Der Monomythos der Heldenreise ist das Handlungsmuster der meisten Zaubermärchen: Der Held muss eine Reihe von Prüfungen bestehen und kehrt schließlich geläutert in seine Gemeinschaft zurück. Märchen dieser Art sind mit Hilfe des ATU-Index‘ gut zu finden.
  5. Transformationsgeschichten
    Durch die Heldenreise ähneln sie in ihrer Struktur den Zaubermärchen, doch der mythische Kern tritt hier noch stärker hervor und die meisten Erzählungen stammen nicht aus dem westlich geprägten, sondern aus dem traditionellen und indigenen Umfeld (und sind folglich auch nicht im ATU-Index zu finden).
  6. Weisheitsgeschichten
    Wie der Name andeutet, vermitteln diese Erzählungen tiefe Lebensweisheiten, und zwar in einer sehr kurzen, pointierten und treffenden Form, oft auch mit Witz und Ironie.

Wir erheben mit dieser Klassifizierung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit. Vielmehr ist uns wichtig, in den Modulen der Ausbildung verschiedene Erzähltechniken zu vermitteln und ein solides Grundrepertoire an Geschichten aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen aufzubauen.
Dafür nehmen wir auch thematische und typologische Überlappungen in Kauf, den vor allem in der Ausbildung liegt unser Fokus klar auf der „performativen Kunst“ des Erzählens – jenen flüchtigen Momenten, in denen die Geschichte ihr zauberhaftes Eigenleben entfaltet und ihr Publikum mit allen Sinnen in ihre eigene Welt entführt.


Vertiefung

  • Dundes, Alan. “The Motif-Index and the Tale Type Index: A Critique.” Journal of Folklore Research, vol. 34, no. 3, 1997, pp. 195–202. JSTOR, www.jstor.org/stable/3814885. Accessed 19 Sept. 2020.
  • Wardetzky, Kristin. „Ankommen – Über die Lust an der narrativen Vermittlung von Sprache und Kultur.“ Copaed 2019
  • Uther, Hans-Jörg. „The Types of International Folktales. A Classification and Bibliography.“ Finnish Academy of Science and Letters, vol. I – III, 2011
  • Campbell, Joseph. „The Hero with a Thousand Faces.“ Pantheon Books, 2008

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