Jagdinstinkt – Auf der Suche nach WILD

Sie hat uns schon vor einigen Zehntausend Jahren fasziniert, als wir Menschen noch von ihr abhängig waren. Die ersten Geschichten erzählten von ihr und sie hatte einen festen Platz in den ersten Bildern auf den Felswänden jener Höhlen, die in den frühen Tagen unser Zuhause waren: Die Rede ist von der Jagd.

In unserer heutigen Wissensgesellschaft sind wir weit entfernt vom ursprünglichen subsistence hunting, wir jagen längst keine Tiere mehr zur Selbstversorgung, weil wir Fleisch, Fell und Knochen für Nahrung, Kleidung und Werkzeug bräuchten.
Und dennoch: In der Ethnologie ist unbestritten, dass wir Menschen zu weit über neunzig Prozent unserer Geschichte Jäger und Sammler waren. Zu jagen und Beute zu machen war also nicht nur eine kurze Episode in der Geschichte der Menschheit, sondern hat über viele Jahrtausende hinweg unsere Lebensweise und Ernährung, unsere Bräuche und Rituale, unsere Kunst und Spiritualität geprägt. Sie hat unseren Alltag und somit unser gesamtes Verhalten beeinflusst.

Ist dieser Einfluss auf unser (kollektives) Verhalten heute verschwunden oder nur abgetaucht? Wonach jagen wir heute und warum? Welche Sehnsüchte werden dadurch ersatzweise gestillt?
Mit solchen und ähnlichen Fragen setzte sich Kathinka Marcks im Projekt „Jagdinstinkt“ auseinander.
Das Ergebnis geht unter die Haut.

Der schmale Pfad linear-kausalen Denkens

Die Jagd ist eine erstaunliche Angelegenheit. Je nachdem, aus welcher Perspektive und in welchem Kontext sie betrachtet (und ausgeübt) wird, zeigt sie uns verwirrend viele und oft widersprüchliche Gesichter. Die Spanne ist wirklich weit: Wir finden Beutegier, Statussymbol, Tradition und Brauchtum, sorgfältige Hege und Pflege, Schutz und Bewahrung, wirtschaftliches Management und wissenschaftliches Interesse – um nur einige Motive und Erscheinungsformen herauszugreifen.

Um diese Erkenntnisse zusammenzutragen, haben wir viel recherchiert und auch zahlreiche Interviews mit Jägerinnen und Jägern geführt, um etwas über ihre Motivation zu erfahren.
„Warum jagst du?“, war eine unserer zentralen Fragen.
Manche konnten ihre Antwort ausführlich reflektieren, andere nicht – doch letztlich war die Antwort immer dieselbe: Naturverbundenheit.

Machen wir uns nicht vor: Jagen ist mit Töten verbunden. Wer jagt, spürt oder lauert meist Säugetieren auf, um sie mit weit überlegenen Waffen zu töten, und zwar nicht aus überlebensnotwendigen Gründen wie Nahrungsbeschaffung oder Notwehr (jedenfalls nicht hier in Deutschland). Wie lässt sich das mit Naturverbundenheit zusammenbringen?

Mit dieser Frage beschreiten wir einen schmalen Pfad. Nur allzu schnell neigen wir dazu, Leben und Tod einander als Feinde gegenüber zu stellen. Im letzten Jahr führten wir ein Interview mit Dorothea Klaer (Horizonte der Krise) und fragten nach der Rolle des Todes in unserer Gesellschaft.
„Der Tod bedroht das Leben – also ist es nur konsequent, wenn ich Tod und Leben voneinander trenne, zum Beispiel durch bestimmte Rituale […]“, erläuterte sie damals. „Die simple Existenz des Todes hat den Effekt, mich zu verstören. Wer allerdings dazu bereit ist, sich stören zu lassen, erhält die große Chance der Wandlung, die Chance, in die Tiefe der Möglichkeiten des Lebens einzutauchen.“

Ein mythologischer Blick auf die Jagd

Vor diesem Hintergrund bezieht sich Naturverbundenheit also nicht darauf, die lateinischen Namen sämtlicher Blumen und Gräser zu kennen, sondern auf etwas viel Größeres, etwas Gewaltiges, das wir nur schemenhaft erkennen können. Zu jagen, das heißt:

  • Du brichst auf in Demut, denn du könntest leer ausgehen. Der Erfolg ist immer ungewiss und du besitzt nichts als deine Wahrnehmung, deinen Verstand und deine Intuition. Ein Tier aufspüren, seine Fährten und Spurenzeichen lesen und ihm so lange folgen, bis du ihm gegenüberstehst.
  • Das Tier töten – vielleicht der schwerste Moment. Du magst dir viele Gedanken um das „waidgerechte Erlegen“ machen, aber es geht tiefer: Es geht darum, mit vollem Bewusstsein die Verantwortung für den Tod eines anderen Lebewesens zu übernehmen. Das ist mit Schmerz verbunden, der sich nur ertragen lässt, wenn du zugleich Respekt und Dankbarkeit verspürst. Noch heute gibt es Rituale wie „der letzte Bissen“ oder das „Verblasen der Strecke“, um den erlegten Tieren die Ehre zu erweisen.
  • Das Tier ausnehmen und zerwirken. Mag sein, dass diese blutige und schleimige Arbeit nicht gesellschaftsfähig ist, aber du stellst dich damit den Konsequenzen deiner Handlung und außerdem ist es ein Zeichen von Respekt: Wenn indigene Jäger ein Tier erlegt hatten, nutzten sie fast alles davon, sogar die Sehnen, die zu Schnüren gedreht oder die Hufe, die zu Leim zerkocht wurden.
  • Das Fell / Leder gerben und verarbeiten und das Fleisch zubereiten – mit dieser Arbeit beginnt das Tier in die Lebenswelt der Menschen „hineinzuwachsen“.
  • Die Kleidung tragen und das Fleisch verzehren.

Wenn du diesen ganzen Prozess auslöst und durchlebst, verbindest du dich mit einem ewigen Kreislauf: Das Tier ist gestorben und ermöglicht dir, weiterzuleben. Wenn du selbst stirbst, wird dein Körper ebenfalls den Tieren (Mikroorganismen) zur Speise werden, die ihrerseits in den Boden eingehen und den kostbaren Humus erzeugen, aus dem die Pflanzen wachsen, die von Tieren gefressen werden, die von Menschen gejagt werden, die wiederum Kinder bekommen usw.

Wenn du diesen gesamten Prozess also auslöst und durchlebst, verstehst du auf ganz unmittelbare und sehr eindringliche Weise, dass alles Leben auf der Erde den Tod braucht, um sich zu erneuern. Im besten Fall schafft das ein Urvertrauen ins Leben und fördert die Anerkennung des Todes als Gestaltwandler. Das ist jedenfalls eine sehr kraftvolle und intime Form der Naturverbundenheit.

Wir haben zum Teil Interviews mit sehr erfahrenen Jäger*innen geführt – doch alle berichteten übereinstimmend von der großen Anspannung vor dem Schuss: Intuitiv sind ihnen die oben geschilderten Zusammenhänge vertraut und vor dem Schuss wird ihnen schemenhaft bewusst, dass sie mit ihrem Tun eine große Verantwortung tragen.

Auf der Suche nach WILD

Für das Projekt Jagdinstinkt habe ich Kathinka als Wildnisführer auf einer physischen und geistigen Spurensuche begleitet.
Unsere Vorfahren waren in der Lage, mit sehr rudimentären Hilfsmitteln zu jagen. Das setzt sehr ausgeprägte Fähigkeiten zur Wahrnehmung voraus, wie ich sie im Beitrag „Die erzählende Landschaft“ beschrieben habe. Das Potenzial dieser Fähigkeiten ist noch immer in uns angelegt. Physisch machen wir davon kaum noch Gebrauch, denn mit unseren Herausforderungen sind auch viele unserer Tätigkeiten ins Geistige „abgewandert“.

Wer in diesem Fall sorgfältig arbeiten will, muss bei den Wurzeln beginnen: Wir gingen in den Wald und saßen dort stundenlang auf einem Platz. Wir suchten nach Spuren einheimischer Wildtiere und folgten diesen so weit wie möglich. Wir beobachteten die Tiere und studierten ihr Verhalten.

Das war nicht nur romantisch, sondern auch unbedingt erforderlich. Denn die Intensität und Ausdrucksstärke unserer Erzählungen ist abhängig von der Kraft unserer Imagination – und diese wird wesentlich geprägt durch die Qualität unserer Wahrnehmung. Wenn Kathinka erzählt und sich eine atemlose Spannung im Raum ausbreitet, dann deshalb, weil sie diese Spannung selbst erlebt hat.

Der zweite Teil meiner Arbeit bestand in der Begleitung bei der Suche nach Analogien.
Schafft das Wachstumsparadigma unseres Wirtschaftssystems noch die Rahmenbedingungen, um Tätigkeiten auszuüben, die eine derart tiefe Verbundenheit erlauben, wie sie in Stammesgesellschaften durch die Jagd erfahren werden konnte?

Warten auf die Premiere

Was aus dieser Arbeit entstand, setzten Kathinka Marcks (Erzählerin), Teresa Grebchenko (Percussion) und Carla Wierer (Geige) in einem sehr eindringlichen Outdoor-Erzählprogramm um. Ich hatte das Privileg, die intensive Probenwoche als Campbauer, Feuerhüter und Koch begleiten und erleben zu dürfen.

Die ursprünglich im April geplante Premiere musste coronabedingt verschoben werden. Die aktuelle Lage macht es enorm schwierig, Veranstalter zu finden, die sich der Unsicherheit stellen wollen. Da es sich um ein Outdoor-Format handelt, hoffen wir, dass der Sommer hier eine deutliche Entspannung bringen wird.
Wenn du genauso ungeduldig bist wie wir, hält dich die Nomadenpost auf dem Laufenden.

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