Der Weg des Erzählens

Erzählkunst ist eine uralte Kunstform. Sie ermöglicht die Begegnung verschiedener Kulturen, verbindet Generationen, wirkt identitätsstiftend und unterstützt die Entwicklungs- und Sprachförderung bei Kindern und Jugendlichen. Seit 2016 listet die UNESCO das als „Urform der Künste“ bezeichnete Geschichtenerzählen als Weltkulturerbe.

Dennoch ist uns bis heute wenig bekannt, wie groß das Potenzial der Erzählkunst tatsächlich ist. Denn Sprache ist ein mächtiges Instrument. Sprache kann eine Gesellschaft zerstören oder transformieren, kann Weltbilder verengen oder weiten. Klimawandel, Seuchen, Kriege und eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft lassen uns immer wieder mit der Frage zurück, welche Formate geeignet sind, damit diese subtile und leise Kunstform ihre lebensförderliche Wirkung in der Gesellschaft entfalten kann.

Mit unserer Arbeit wollen wir auch das Grundlagenwissen schaffen, auf dessen Basis erzählkünstlerische Formate entwickelt werden können, die an der Schnittstelle aus Wissenschaft, Kunst und Spiritualität eine gesellschaftliche Wirkung entfalten und zu verantwortungsvollem Handeln führen können.

Dabei führt der Weg der Nomadischen Erzählkunst von der Wahrnehmung in den Ausdruck: Je ausgeprägter deine Wahrnehmung, desto intensiver wird die Kraft deiner Imagination und desto ausdrucksstärker wirst du erzählen können. Immer wieder fordern wir uns selbst heraus, unserem Anspruch treu zu bleiben, mit Erzählkunst Brücken zu bauen und Menschen miteinander und mit ihrem natürlichen Umfeld zu verbinden.
Doch in modernen westlichen Gesellschaften werden vor allem die Werte der Aufklärung und des Humanismus vertreten. Spiritualität im Sinne einer wechselseitigen Verbundenheit des Menschen mit der restlichen Welt ist sicherlich kein Fundament, auf dem wir heute unsere kollektiven Entscheidungen treffen.

In diesem Umfeld zu arbeiten, ist herausfordernd. Zuerst hast du Mühe damit, dein Wahrnehmungs- und Ausdrucksvermögen so weit zu entwickeln („Bäume können doch gar nicht sprechen und überhaupt – was hat das alles mit mir zu tun?!“). Und dann stehst du vor der Herausforderung, diese Fähigkeit in eine Gesellschaft zu tragen, deren mechanistisches, reduktionistisches Weltbild im 18. Jahrhundert fixiert wurde. Wie soll das gehen?

„Bescheidener Wunsch: dass unser Tun und Lassen für das Leben etwas mehr Bedeutung haben möge als ein Smoking für die Verdauung. Und dennoch bleibt manches, was wir unseren Einsatz nennen, wahrhaftig nur ein Kleidungsstück, mit dem wir bei festlichen Anlässen unsere Nacktheit kaschieren.“

Je weiter du dich von den vielgenutzten Straßen entfernst, desto spärlicher werden die Spuren von Menschen, die vor dir gegangen sind – aber es gibt sie; sowohl Spuren als auch Menschen.

Wir sind der Schamanin Annabelle Wimmer-Bakic sehr dankbar, dass wir die nachfolgenden Auszüge unseres Gesprächs mit ihr veröffentlichen durften.

In vielen Geschichten aus vielen Kulturen ist es häufig so, dass Menschen mit Pflanzen, Tieren oder Geistern kommunizieren können. Können das wirklich alle Menschen oder muss man dafür Schamanin sein?

Natürlich verfügen Schaman*innen über sehr besondere Fähigkeiten, aber nicht jeder Mensch muss Schamane sein, um mit den Wesen der Natur zu kommunizieren.
Mit Pflanzen, Tieren oder Ahnen geistig verbunden zu sein, ist eine Fähigkeit, die sicherlich zur „Grundausstattung“ von uns Menschen gehört, sonst hätten wir in früheren Zeiten gar nicht überleben können. Durch die innere Kommunikation mit den Tieren wussten die Menschen, wo die Tierherden entlang ziehen. Durch die innere Kommunikation mit Pflanzen wussten sie, welche essbar waren, welche giftig und welche eine Heilwirkung hatten.
Schamanismus bedeutet für mich nicht nur eine bestimmte indigene Spiritualität, sondern es steht für persönliche Verbindungen und Netzwerke: in Resonanz zu sein mit den Kräften und dem Wissen der Erde. Und das ist erstmal auch eine Grundkompetenz des Menschen. Natürlich sind Kompetenzen unterschiedlich stark ausgeprägt. Die einen sind intensiver verbunden, die anderen weniger, aber wenn wir es brauchen, können wir es grundsätzlich alle.
Die Arten der Verbindung sind allerdings unterschiedlich. Es gibt nicht nur verschiedene körperliche, sondern auch verschiedene spirituelle Sinne und entsprechende Vorlieben. Manche Menschen sind „visuelle Typen“, für andere ist das Hören wichtiger, wieder andere fühlen oder wissen einfach. Ich muss also herausfinden, womit ich eine besonders deutliche Verbindung für mich herstellen kann.

Irgendwie erinnert mich das an Fahrradfahren: Entweder man kann es oder nicht. Lernen können wir es zwar (fast) alle, aber bevor wir es können, erscheint es praktisch unmöglich. Wie kann ich denn die Fähigkeit erlernen, in Verbindung zu kommen?

Du öffnest dein Gewahrsein und beobachtest, was dann passiert. Auf welche Weise fängt dein Gegenüber (die Pflanze, der Ort, das Wasser, der Berg) an, mit dir zu „sprechen“, sich auszusprechen? Fühlst du es eher, bist Du sensitiv, siehst du es, dann ist die spirituelle Kraft des Sehens in dir stärker. Ist es so, dass du es einfach weißt, dann ist es der kognitive spirituelle Sinn. Du kannst also einfach dein Gewahrsein öffnen und schauen, was und wie es kommt.
Damit wir diese Gaben intensivieren und wirklich damit arbeiten können, müssen wir ein Verständnis dafür entwickeln, wo unsere Grenzen und Potentiale sind, damit sich diese entsprechend entfalten können. Wenn du das selber machen möchtest, dann bedeutet das eine sehr intensive Arbeit mit dir selbst. Das Gewahrsein allein reicht ja nicht; du wirst nach jeder Erfahrung auch einen intellektuellen Reflexionsprozess durchlaufen müssen, um die Erfahrung irgendwie zu verstehen und einzuordnen, was da auf welcher Ebene passiert ist und was du nun als nächstes tun könntest, um diese Fähigkeit zu unterstützen und zu entwickeln.

In einem Kapitel deines Buchs „Die Spur der Bienen“ hattest du auch über den Ortsgeist, den genius loci geschrieben. Das ist für mich noch eine ziemlich abstrakte Sache; ich kann zu Bäumen oder Pflanzen gehen und versuchen, mich mit ihnen zu verbinden. Aber wie geht das denn mit einem genius loci?

Das ist genauso einfach oder schwierig wie mit allen anderen. Es gibt Orte, die haben sehr starke Ortsgeister und es gibt Orte, deren Geister eher im Hintergrund aktiv sind. Immer geht es um diese bestimmte, einzigartige Energie eines Ortes.
Das Prinzip, sich mit Orten zu verbinden funktioniert aber genau gleich: Man öffnet sein Gewahrsein und wartet ab, was kommt und was sich zeigen möchte.

Wenn die Dinge beginnen, sich auszusprechen, wird man letztendlich immer mit dem Ortsgeist zu tun haben, denn Ortsgeister sind die Wissensenergie des Ortes. Und genau wie Menschen, Tiere oder Pflanzen können auch Orte krank oder verletzt sein und brauchen Heilung, die man dann versuchen kann bereit zu stellen. Indem man dem Ort das gibt, was er braucht. Wenn man tiefer eingetaucht ist, dann kann man daraus ein Orts- oder Erdheilungsritual machen.

Jetzt habe ich etwas Mühe, zu folgen…

Das liegt daran, dass schamanisches Wissen gelebtes Wissen ist und sich nicht einfach abstrakt vermitteln lässt. Eigentlich integriert man in das Ritual das, was man fühlt, sieht oder erlebt. Dies setzt man dann in eine rituelle Handlung um.
Die Verbindung zum Ort liefert uns den Kontext, der uns ermöglicht zu verstehen, worum es eigentlich geht, und was gebraucht wird. Im Ritual versucht man das praktisch umzusetzen.

Als Schamane ist man immer mit dem lebendigen Wissen verbunden: man erkannte die Vergangenheit, den Zwecke und die Bedeutung eines Ortes und setzt dann die Kraft für die Zukunft frei. Aber dafür muss man direkt und lebendig verbunden sein. Es geht hier nicht einfach um eine Struktur, die man abarbeitet, denn das könnte auch zu energetischen Problemen führen. In gewissen Bereichen kann ich keine Details benennen, weil es sich dabei um ein bestimmtes Wissen handelt, das übertragen und nicht einfach nur erklärt werden muss.

Nun führt ja der Weg der Nomadischen Erzählkunst von der Wahrnehmung in den Ausdruck. Unsere Herangehensweise klingt also erst einmal ziemlich ähnlich. Lehnen wir uns als Erzähler*innen vielleicht ein bisschen weit aus dem Fenster? Gibt es da Grenzen, die wir besser nicht überschreiten sollten?

Es ist doch wundervoll, wenn ihr so arbeitet! Dieser Weg bedeutet ja vor allem, sich mit den lebendigen Energien zu verbinden und das ist eine ganz wichtige Arbeit, die dringend nötig ist und deutlich zunehmen darf. Denn wenn wir Menschen insgesamt mehr mit der Erde, den Orten und den Wesen verbunden wären, hätten wir heute nicht damit zu kämpfen, dass die Ökosysteme heruntergewirtschaftet sind und das Klima kaputt ist. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel.
Ich finde es schwierig, da Grenzen zu benennen. Ich glaube, es geht schon darum, dass wir weitergehen und weitergeben, was uns wichtig ist. Mit moralischen Kriterien werden wir da kaum weiterkommen. So viele verschiedene Menschen es gibt, so viele Geschichtenerzähler gibt es. Und so viele Arten, Geschichten zu erzählen, gibt es. Aber die Frage ist doch, welche Geschichten möchte man selber erzählen, welche Geschichten möchte man selbst weiterleben sehen für die Welt in der Zukunft, für die Welt unserer Kinder, für eine Welt, in der eine gute Zukunft auf uns wartet? Dann müssen wir solche Geschichten auch erzählen. Es kommt also auf die eigene Intension an.

Das Weiterleben ist ein gutes Stichwort. Erzählen lebt vom Zuhören und das ist in unserer Gesellschaft ein seltenes Gut. Wer heute Geschichten erzählt, braucht eine Menge Kraft und Beharrlichkeit und fragt sich oft, wie viel er eigentlich erreicht.

Aber ich glaube, genau darum geht es: Dass wir den Weg gehen müssen, den wir in uns tragen. Und das macht uns letztendlich frei und glücklich. Und mit dieser Kraft können wir natürlich andere erreichen und inspirieren – vielleicht nicht immer die große Masse, vielleicht aber doch – das weiß man nicht, das ist einfach ein Weg. Als ich angefangen habe, hat sich auch keiner dafür interessiert. So ist es eben manchmal. Aber ich glaube wir sollten die Dinge tun, die für uns wirklich wichtig sind als Mensch.
Ich glaube, dass das immer eine Wirkung hat, weil wir immer wieder Menschen begegnen, die wir damit berühren können. So sind wir Menschen – wir berühren uns gegenseitig und dadurch entsteht viel, auch wenn wir es selber für uns manchmal nicht so erkennen können.

Was wir tun, nennen wir Geschichtenerzählen und mehr Aufmerksamkeit hätten wir mit Sicherheit bekommen, wenn wir es Storytelling genannt hätten, aber damit würden wir auch einem System der „Erregungsbewirtschaftung“ dienen, dem wir nicht dienen wollen.

Ich glaube, für euch geht es jetzt vor allem darum, weiterzumachen und das Vertrauen in die eigene Kraft zu behalten. Auch das ist eine Frage der Wahrnehmung oder des Gewahrseins: Wo trägt euch das hin? Ihr werdet es merken, wenn ihr jemanden berührt. In solchen Momenten muss man aufmerksam sein und verstehen, wo Dinge passieren, wenn ich was wie mache.
Und ich verstehe das schon, wenn man einem solchen System nicht dienen will. Ich finde, das muss man auch nicht und es gibt vielfältige Gründe, einem alten System nicht zu dienen. Es zu hinterfragen und für die Zukunft neu zu denken.

Trotzdem ist es sicherlich auch gut, wenn man etwas entwickelt hat, dass man es auch in der Breite kommunizieren kann. Denn es wird irgendwann wichtig, ob man drei Leute erreicht oder dreizehn. Wenn man nämlich eine Kraft erreicht, die Menschen transformiert, möchte man damit natürlich mehr Menschen erreichen, und zwar deswegen, weil man erkennt, das dies die Chance für den Wandel ist, den man selber möchte, den diese Welt braucht.
Und manchmal muss man sich mit dem eigenen Anliegen auch ein bisschen solidarisieren. Das heißt nicht in einem System aufzugehen oder es rückhaltlos zu bedienen. Vielmehr geht es darum, sich die Frage zu stellen, wie man die Möglichkeiten, die man für sich errungen hat, anderen Leuten zugänglich machen kann. Ich glaube, dass dieser Punkt irgendwann wichtig ist, weil das bedeutet, dass man das Bewusstsein verändern kann, und das brauchen wir einfach, und daran arbeitet ihr ja auch, das ist doch letztendlich euer Anliegen mit dem Geschichtenerzählen.

Ich glaube, das ist auch das Anliegen der Menschen, die zu uns kommen, um Erzählen zu lernen. Das macht Mut, mehr davon zu verbreiten…

Das ist sehr wichtig! Man darf auch Mut haben, man muss es anpacken, man muss die Dinge tun, die einem wichtig sind. Darum geht es doch letztendlich.

Tja, das hat Joseph Campbell auch schon gesagt…
Campbell hat sich intensiv mit Mythen aus allen möglichen Erdteilen, Zeitaltern und Kulturen auseinandergesetzt und universelle Muster gefunden, was für unsere Arbeit sehr inspirierend ist.

Das Interessante daran ist vor allem zu verstehen, wie breit die Basis dessen ist, was uns Menschen miteinander verbindet. Was uns wirklich wichtig ist, mag viele verschiedene Ausprägungen haben – und das ist auch gut so, das ist die Vielfalt – aber letztendlich kommt es aus einem gemeinsamen Zentrum heraus.

Durch angewandte Erzählkunst unterstützen wir Menschen, in ihren Umfeldern Verbundenheit und Kreativität wachzurufen. Wir sammeln und erzählen Geschichten aus verschiedensten Kulturen, die auf na­chhaltigen Denk- und Lebensweisen basieren und suchen je eigene, der lo­kalen Kultur angemessene Wege, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Menschen, Orten und Narrativen zu gestalten.

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