Kairos - Epilog

Das Unsichtbare untergräbt immer das Sichtbare.

Es war ein heißer Augusttag im letzten Jahr, als wir uns mit Kairos auf den Weg machten. Wir hatten nichts mitgenommen außer einer vagen Idee und einen Rucksack voller Fragen. Vor allen Dingen wollten wir verstehen, welche Art von Geschichten die Mythen eigentlich sind und wie wir erzählerisch mit ihnen umgehen sollten. Seit einem guten halben Jahr folgen wir ihren verwirrenden Spuren und tragen geduldig die verschiedenen Perspektiven zusammen. Jetzt kehren wir wieder zum Ausgangspunkt zurück und betrachten das Bild im Licht unserer Erkenntnisse:

  1. Mainstream Perspektive – Mythen als Lügen
    Sie hilft uns, Herkunft und Textur unseres Weltbildes zu verstehen und zu erkennen, welche zentrale Rolle Mythen in unserer modernen westlichen Kultur tatsächlich spielen, auch wenn (oder gerade weil) sie auf den Werten der Aufklärung und des Humanismus aufbaut.
    » Die ewigen Lügengeschichten

  2. Anthropologische Perspektive – Mythen als erhaltenswertes Kulturgut
    Sie verdeutlicht uns das uralte menschliche Bedürfnis des Spiegelns: sich mit dem scheinbar „Fremden“ zu konfrontieren, um darin erst die Konturen des „Eigenen“, dann des „universellen Menschlichen“ und schließlich des „Lebendigen an sich“ zu erkennen.
    » Die Weitgereisten

  3. Psychologische Perspektive – Mythen als Ausdruck metaphorischen Denken
    Sie erinnert uns an die universelle und geradezu magische Fähigkeit der menschlichen Sprache, mit Hilfe archetypischer Symbole weit über ihre eigenen Grenzen hinauszureichen.
    » Die großen Unbekannten

  4. Philosophische Perspektive – Mythen als sinnstiftende Kunstform
    Sie legt uns nahe, Mythologie als eine Kunstform zu verstehen, die über die Geschichte hinaus auf das Zeitlose der menschlichen Existenz verweist und uns dabei hilft, jenseits des chaotischen Flusses zufälliger Ereignisse schemenhaft den Kern der Wirklichkeit zu erfassen.
    » Die Doppelnatur

  5. Indigene Perspektive – Mythen als Ausdruck der lebendigen Erde
    Sie erinnert uns daran, dass wir zutiefst mit einer lebendigen Welt verbunden sind, in der alles über Ausdrucksvermögen verfügt, das wir wahrnehmen müssen, wenn wir Mythen in einer angemessenen Haltung erzählen wollen.
    » Die Grammatik des Belebten

  6. Erzählerische Perspektive – Mythen als wilder Weg, die Wahrheit zu sagen
    Sie erinnert uns daran, dass wir als Erzähler*innen zutiefst in das komplexe Netzwerk des Lebens eingewoben sind und die Power unserer Erzählungen umso größer ist, je umfassender wir uns dessen bewusst sind.
    » Wahrheit ist wilder als Fakten

Mit jeder weiteren Perspektive ist unser Bild von Mythen heller und facettenreicher geworden. Doch das eigentlich Faszinierende ist das Unsichtbare: Mit jeder weiteren Perspektive ist nämlich auch die Grenze dessen schärfer hervorgetreten, was unser Verstand im Umgang mit Mythen überhaupt erreichen kann. Diese Grenze hat einen Rahmen und ist durchsichtig, genau wie eine frisch geputzte Fensterscheibe. Wir können klar und deutlich erkennen, dass es dahinter noch weitergeht. Aber eben nicht mit dem Verstand. Was immer wir jetzt anstellen – kognitiv werden wir in unserem Verständnis von Mythen nicht weiter kommen als zu jenem Bild, das Robinson Jeffers in seinem Gedicht „Der Menschheit Schattenherrscher“ beschreibt:

Die ohne Sein doch wirklicher sind als das, dem sie entstammen,
und ohne Form das schaffen, was sie schafft:
Nerven und Fleisch vergehen schattenhaft, schattenhaft Glieder und Leben,
doch diese Schatten bleiben, diese Schatten,
denen Tempel, denen Kirchen, denen Werke und Kriege,
Visionen und Träume gewidmet sind.

Sorry für die schlechten Nachrichten. Aber so schlimm sind sie jetzt auch wieder nicht. Der nigerianische Philosoph Bayo Akomolafe sieht solche Themen ziemlich entspannt und vertritt die Auffassung, dass Fakten „gleichzeitig Akte des Verbergens und der Offenlegung sind“. Dazu erläutert er: „Was enthüllt wird, was wir zu sehen lernen, was wir beachten, was verständlich wird, wird immer durch Aspekte eines verwickelten Beziehungsgeflechts subventioniert, die aus der Betrachtung ausgelöscht werden. Das Unsichtbare untergräbt immer das Sichtbare.“

Auch der renommierte Mythenforscher Joseph Campbell stand offenbar an dieser Grenze. Auch er sah das nicht so dramatisch und empfahl stattdessen, sich lieber auf die praktischen Dinge zu konzentrieren. In seinem Klassiker „Der Heros in Tausend Gestalten“ schreibt er:

„Der moderne Intellekt hat die Mythen interpretiert als einen primitiv-täppischen Versuch der Naturerklärung (Frazer); als Produkt der poetischen Phantasie prähistorischer Zeitalter, verzerrt von den folgenden (Müller); als Arsenal allegorischer Unterweisungen, die das Individuum der Gruppe gefügig machen sollen (Durkheim); als Gruppentraum, in dem die Tiefenschicht der Menschenseele ihre archetypischen Impulse ausdrückt (Jung); als das überlieferte Medium metaphysischer Einsicht (Coomaraswamy) und schließlich als Offenbarung Gottes an seine Kinder (die Kirche). In Wahrheit sind die Mythen das alles, nur zeigen sie jedem Interpreten, je nach dessen Standort, ein anderes Gesicht. Denn den Anliegen und Bedürfnissen der Individuen, Völker und Zeitalter kommen sie so aufgeschlossen entgegen wie das Leben selbst, wenn die Frage nicht auf ihr Wesen, sondern auf ihre Funktion dringt, darauf, wie sie in der Vergangenheit der Menschheit gedient haben und wie sie es heute könnten.“

Was Mythen eigentlich können, wird demnach unsere nächste große Frage sein.

Durch angewandte Erzählkunst unterstützen wir Menschen, in ihren Umfeldern Verbundenheit und Kreativität wachzurufen. Wir sammeln und erzählen Geschichten aus verschiedensten Kulturen, die auf na­chhaltigen Denk- und Lebensweisen basieren und suchen je eigene, der lo­kalen Kultur angemessene Wege, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Menschen, Orten und Narrativen zu gestalten.

Weiterführende Infos

  • Joseph Campbell: Der Heros in Tausend Gestalten. Frankfurt am Main 1978

  • Bayo Akomolafe: These Wilds beyond our Fences. Letters to my Daughter on Humanity’s Search for Home. Berkeley 2017